Deutsch-polnische Kuratoren-Tagung im HAUS SCHLESIEN

Im Rahmen der Ausstellung „Der Weg ins Ungewisse. Vertreibung aus und nach Schlesien 1945 -1947“ veranstaltete HAUS SCHLESIEN vom 8. bis 12. November eine Tagung für deutsche und polnische Kuratoren zu diesem Themenfeld. Wie auch bei der in Kooperation mit zwei polnischen Museen entstandenen Ausstellung, war das Ziel der Tagung, sich näher mit der Geschichte des Nachbarn zu befassen, seine Sichtweise und Erinnerung kennenzulernen und zu versuchen, sie zu verstehen. Die Projektidee, das bis heute politisch sensible und die Beziehung beider Nationen zueinander stark beeinflussende Thema der Vertreibung aus beiden Blickwinkeln zu betrachten, sollte im direkten Austausch mit den polnischen Kollegen weiter verfolgt werden. Hauptanliegen war es, den Dialog der Einrichtungen untereinander zu fördern, unterschiedliche Ansätze und Herangehensweisen an die Thematik zu diskutieren und Ideen für neue, eventuelle sogar gemeinsame Projekte zu entwickeln. Den Museen und Kultureinrichtungen kommt im Bereich der Verständigungsarbeit eine wichtige Rolle zu: Sie können durch Sonder- und Dauerausstellungen zu einzelnen Aspekten der gemeinsamen Geschichte ihre Besucher für die Problematik interessieren und sensibilisieren, denn im europäischen Kontext ist es notwendig diese über die nationale Sichtweise hinaus zu betrachten und zu vermitteln. Durch den Austausch mit den ausländischen Fachkollegen kann der Blick für die spannungsreichen Aspekte in der deutsch-polnischen Geschichte geschärft werden, was der Vermittlungsarbeit der Museen zugutekommt.

Es waren hehre Ziele, die die insgesamt 20 Teilnehmer zusammenführte. Unter ihnen waren Direktoren und Kuratoren aus mehreren polnischen und deutschen Museen sowie aus Einrichtungen, die sich der Kultur und Geschichte im östlichen Europa widmen. Jeder Teilnehmer war dazu aufgefordert, Ausstellungen oder Projekte zu diesem Themenbereich vorzustellen und über seine Erfahrungen zu berichten oder auch über den öffentlichen Umgang mit dem Thema im nationalen Kontext oder im regionalen Umfeld zu referieren. So wurden neben der aktuellen Sonderausstellung von HAUS SCHLESIEN weitere Ausstellungen vorgestellt, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, so die Ausstellung „Mitgenommen“ im Haus des Deutschen Ostens in München, die bereits an mehreren Stationen gezeigte Ausstellung „Exodus des Bartschtales“ der Militsch-Trachenberger Heimatkreisgemeinde, die neue Abteilung zu Flucht und Vertreibung im Vogtlandmuseum in Hof sowie die aktuelle Ausstellung über die polnischen Ostgebiete im Bewusstsein der Einwohner von Neisse im dortigen Kreismuseum. Daneben gab es auch Beiträge, die sich, aus deutscher wie polnischer Sicht, etwas theoretischer mit der Problematik auseinandergesetzt haben, so mit der Frage ob die beidseitige Vertreibungserfahrung der Annäherung dienen kann, über Flucht und Vertreibung in der deutschen Erinnerungskultur oder den Umgang mit dem kulturellen Erbe der Deutschen in Schlesien. Nicht zuletzt wurden auch Beispiele erfolgreicher Vermittlungsarbeit präsentiert, so u. a. ein erfolgreiches Schülerprojekt des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Düsseldorf.

An die einzelnen Beiträge schloss sich stets eine rege Diskussion an, die den Gesprächsbedarf der Verantwortlichen untereinander verdeutlichte. Wenn auch die Vertreibung aus und nach Schlesien im Mittelpunkt stand, so weitete sich die Diskussion oft auf ganz Polen und die tschechischen Nachbarn oder die aktuelle politische Lage in Europa aus.

Darüber hinaus besuchten die Teilnehmer die Bunzlauer Heimatstube in Siegburg, wo sie erleben konnten, mit welchem Engagement die Vertriebenen zum Teil bis heute die Erinnerung an ihre Heimatorte und deren Kultur und Geschichte sowie den Kontakt zu den heutigen Bewohnern pflegen. Bei einer Führung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ging der Blick dann über die unmittelbare Nachkriegszeit hinaus auf die gesamte deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte, wobei immer wieder Parallelen und Unterschiede zur politischen Situation in Polen gezogen wurden. Ein Gespräch mit dem Ausstellungskurator Hans-Joachim Westholt rundete diesen Besuch ab.

Am Ende der Tagung waren sich alle Teilnehmer einig, dass ein direktes Kennenlernen und eine offene Diskussion sehr wichtig ist und eine persönliche Bereicherung für alle darstellte. So stimmten alle überein, dass dieses Treffen nicht das letzte bleiben sollte. Nur im direkten Dialog ist Verständnis und Verständigung möglich und bietet sich die Chance, gemeinsame Projekt anzustoßen und die Zusammenarbeit der Institutionen untereinander zu intensivieren. Ein regelmäßiger Austausch über die Arbeit, über Projekte und den Umgang mit der gemeinsamen Geschichte ist gewinnbringend, wenn nicht sogar notwendig und sollte bald fortgesetzt werden: das gilt für die deutschen wie polnischen Kollegen untereinander aber vor allem miteinander.

Die Arbeitstagung wurde im Rahmen des deutsch-polnischen Projektes „Der Weg ins Ungewisse“ gefördert und ermöglicht vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.
Silke Findeisen

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