Wie die Arbeit mit Archivalien die Geschichte Schlesiens für alle zugänglich macht

Bereits zum 80. Mal jährte sich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 2019. Aus diesem Anlass begab sich das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) von HAUS SCHLESIEN im September 2019 auf neues Terrain und startete einen Onlineblog namens „Die Geschichten hinter den Objekten. Schlesische Kriegsschicksale 1939–1945“.

„Die Idee dahinter ist, dass wir Exponate, Dokumente und Fotos aus der Sammlung aufbereiten“, so Silke Findeisen, Leiterin der Bibliothek und des Archivs. „Diese wollen wir der Öffentlichkeit zugänglich machen.“ Denn einige Exponate seien nicht unbedingt für Ausstellungen geeignet, erzählten aber interessante Geschichten. Dabei möchte der Blog die Geschichte nicht chronologisch wiedergeben – vielmehr versucht Findeisen, die große Politik zur Zeit des Zweiten Weltkriegs im Mikrokosmos widerzuspiegeln: Exponate und Archivalien sollen über das Alltagsleben, über Angst und Leid, aber auch über glückliche Momente und Menschlichkeit in Schlesien während des Zweiten Weltkriegs berichten. Die persönlichen Geschichten hinter den Objekten vermitteln dabei verschiedenste Perspektiven. Ferner soll der Blog „auf das Haus und unsere Bestände aufmerksam machen sowie neue Zielgruppen erschließen“, so Silke Findeisen. Ebenso diene das Projekt dazu, die Bestände besser zu erschließen, um sie auch in Zukunft nutzen zu können.

Nötig war es für das Vorhaben, den Bestand historischer Berichte, Briefe und Tagebücher zu digitalisieren und Schlagwörter zu entwickeln, um sie für die Aufbereitung im Blog sowie weitere Untersuchungen vorzubereiten. Häufig liegen die hand- bzw. maschinenschriftlichen Quellen in schlechter Qualität vor. Besonders vorsichtig sind sie deswegen zu behandeln. Um die oft auf sehr dünnem Material geschriebenen Quellen auch für die Zukunft nutzbar zu machen, müssen die Objekte zunächst gescannt werden. Außerdem ist es notwendig zu kontrollieren, ob im Digitalisat alles gut erkennbar ist.

Im nächsten Schritt wird der Inhalt des entsprechenden Objekts in einigen Zeilen zusammengefasst, die wichtigsten Daten erschlossen und aussagekräftige Schlagwörter sowie Ortsangaben aus dem Text gesammelt. Zugänglich für die Arbeit am Onlineblog und für die Forschung werden das Digitalisat und die erhobenen Daten durch das Einpflegen in das Inventarisierungsprogramm. Da zahlreiche Berichte in Kurrentschrift verfasst wurden, müssen sie zunächst transkribiert werden. Hierfür werden separate Dateien angelegt, um sie später mit den anderen gewonnenen Dateien zu verknüpfen und sie ebenso dem Inventarisierungsprogramm hinzuzufügen.

Da die Berichte aus den verschiedensten Situationen stammen, sind sie sowohl interessant als auch heterogen: Einige Verfasser und Verfasserinnen berichteten über ihre Flucht oder Vertreibung aus Schlesien, andere berichteten über ihre unbeschwerte Kindheit in der „alten Heimat“ und wieder andere, dass sie der Schmerz des Heimatverlusts nie losgelassen habe. Trotz der unterschiedlichen Erzählungen verbindet alle Berichte ein gemeinsamer Nenner, nämlich Schlesien.

Bei der Arbeit mit den Berichten fällt die Vielfalt auf: Im Afrikafeldzug (1940–1943) berichtet ein aus Schlesien stammender Soldat in einem maschinenschriftlichen und elf Seiten umfassenden Dokument über die Kampfhandlungen um das libysche Bengasi und die Kyrenaika in den Jahren 1941/42. Hier gehören nicht das Riesengebirge oder die Oder zu den Merkmalen der Umgebung, sondern die Wüste sowie das „salzige und wenige Wasser“. Aus dem Dokument geht hervor, dass der Soldat während der Regenzeit besonders vorsichtig sein musste. Denn durch „kurze wolkenbruchartige Regengüsse“ hätten sich die Wadis (Flussbett) in reißende Ströme verwandelt und „es sind Soldaten in der Wüste ertrunken“.

Der Umstand verschiedenste Erfahrungsberichte vorliegen zu haben, macht die Arbeit mit den Originalen und deren adäquate Aufbereitung für alle Fragen um die Region Schlesien so interessant und wichtig. Die Arbeit mit den Archivalien verdeutlicht, welchen Stellenwert vergleichsweise unspektakuläre Objekte für die Vermittlung von Geschichte haben können.

Gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen ermöglicht das Projekt die umfangreiche Aufbereitung des Quellenmaterials aus der Sammlung von HAUS SCHLESIEN. Wertvoll ist das Projekt vor allem für den internetgeführten Blog „Die Geschichten hinter den Objekten. Schlesische Kriegsschicksale 1939-1945“. Zugänglich sind die historischen Aufzeichnungen somit für alle interessierten Schlesienforscher im Internet. Auch für Wissenschaftler, Studienseminare im HAUS SCHLESIEN und die Familienforschung ermöglicht das Projekt eine Plattform, die das historische Material Schlesiens für alle zugänglich macht. Die Aufbereitung und Implementierung der erhobenen Daten in eine entsprechende Datenbank realisiert die „Pflege des Kulturgutes der Vertriebenen und Flüchtlinge“ sowie die „Förderung der wissenschaftlichen Forschung“ wie sie laut § 96 BVFG festgelegt ist.

Dominik Antruejo

Foto: © Haus Schlesien