Zu ihren Glanzzeiten war die SPD eine Partei der rauchenden Genossen. Zigaretten ohne Ende, Zigarillos zwischendurch, Pfeife und sogar Schnupftabak, die großen Drei – Brandt, Wehner, Schmidt – ließen nichts unangebrannt. So avancierten Streichholz und Feuerzeug zum omnipräsenten Handwerkszeug. Für phantasiebegabe Werbefachleute eine gefundenes Fressen. Sie machten aus den Allerweltsdingen massenwirksame Werbeträger.

Bis in die 1990er Jahre war kein Wahlkampf in Rheinland-Pfalz denkbar, ohne dass der Kandidat oder die Kandidatin Streichholzbriefchen mit ihrem Konterfei unters Volk brachten. Für die Spitzengenossen dufte es etwas aufwändiger sein. So gab es mehr oder weniger geschmackvolle Feuerzeuge mit eingraviertem Namenszug. An dem kleinen durften sich normale Besucher des SPD-Vorsitzenden erfreuen und es später im heimischen Umfeld stolz vorzeigen. Das große war Journalisten vorbehalten, sie waren schließlich Meinungsbildner, sogenannte Multiplikatoren. Damit war der Produktion mehr oder weniger nützlicher Give-aways Tür und Tor geöffnet. Seien es solche aus dem Bereich der Gastronomie, wie nützliche Bierdeckel oder grauselige Bierseidel, oder Messerchen, die nichts schnitten, auch Bleistifte mit Sinnsprüchen wurden und werden unters Volk gebracht.

Günter Grass blieb es vorbehalten den Kult um den blauen Dunst künstlerisch zu überhöhen. In seinem Wahlkampf- „Tagebuch einer Schnecke“ beschreibt er den „in sich zurückgezogenen Mann, den ich Willy nenne“ und „sein Spiel mit den Streichhölzern, (das) er demnächst – möglichst bald – unterbrechen und die Strecke von Bebel bis heute um ein Schneckenmaß mehr Gerechtigkeit verlängern wird.“ Das war im 1969er Wahlkampf und die Prognose des Dichters erwies sich als zutreffend. Schließlich gelang es dem Öffentlichkeitsarbeiter Henning von Borstell, den magischen Moment zu erwischen, als sich Willy Brandt bei einer Mittagsrast im Teutoburger Wald unversehens eine Mandoline schnappte, um gedankenverloren die Saiten zu zupfen. Der Schnappschuss mit Fluppe aus dem Jahr 1976 erlangte Kultstatus und ist als Plakat im Museumshop des Willy-Brandt-Forums erhältlich.

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Foto: Willy Brandts Spiel mit den Streichhölzern. PR-Bild des Veranstalters